„Tröste dich: Auch die Zukunft geht vorüber.“ Graffito

Nach meiner genauen Auseinandersetzung mit der Diagnose „Borderline“, haben ja sowohl meine Psychiaterin, wie auch meine Therapeutin dem zugestimmt, und einen Bericht an die Versicherung verfasst. 

Darüber hatte ich hier geschrieben.
Meine Hoffnung, dass sich mein Versicherungsberater, der für die Entscheidung über eine Umschulung zuständig ist, davon überzeugen lässt, war von Anfang an sehr gering.
Schon als ich ihn das erste Mal getroffen hatte war mir klar, mit dem wird das nichts. Der hatte schon vorher seine Meinung über mich, und die versucht er seit dem auch zu untermauern. Und da er am längeren Hebel sitzt, ist es kein großer Kraftaufwand für ihn.

Nun hat mir meine Therapeutin, vor zwei Wochen, die Antwort des Versicherungsberaters auf den Bericht mitgeteilt. Mein Wunsch ist es ja, einen Beruf ausüben zu können, der es mir ermöglicht, Vorträge und Seminare abzuhalten, Konzepte zu entwickeln, und Wissen weiterzugeben. Die Antwort meines Beraters war: Nein. Er hat seine Entscheidung, in einer E-Mail, auch mit Argumenten begründet. Und wenn man diese Argumente, Ausschnitte aus ehemaligen Berichten, Aussagen, oder Erfahrungen, als solche betrachtet, kann man seine Entscheidung tatsächlich nachvollziehen. Ja, auch ich kann diese Entscheidung, wenn ich mir nur diese Ausschnitte ansehe, nachvollziehen.


Aber wie ist das denn, wenn man nur den Ausschnitt eines Gespräches mitbekommt, oder nur einen Teil einer Situation kennt, und nicht die Hintergründe?

Richtig! Es kann ein völlig anderes Bild ergeben, als das was es wirklich ist.

 

Doch wie gesagt, von meinem Versicherungsberater hatte ich nicht mehr erwartet. Im Gegenteil, ich hatte sogar damit gerechnet. Wie meine Therapeutin immer so schön sagt: „Sie haben da ganz feine Antennen für sowas!“

Meine Therapeutin hat mir an dem Tag aber nicht nur die Antwort meines Versicherungsberaters mitgeteilt, sondern auch, dass sie beim Schreiben des Berichtes ein blödes Gefühl hatte.

Moment mal, was?

Hatte ich ihr nicht erst letzte Woche noch einen kleinen Teil meines Seminarkonzeptes – an dem ich seit drei Jahren arbeite – vorgetragen? Und hatte sie nicht noch dazu gesagt, dass ich das echt drauf habe? Und wann, in den letzten 1 1/2 Jahren, hat sie Zweifel verlauten lassen darüber, dass ich in so einem Rahmen mit Kunden arbeiten könnte?

Lasst mich kurz überlegen…. Gar nicht!

Im Gegenteil! Sie hat mich immer glauben lassen, dass diese Art von zwischenmenschlicher Zusammenarbeit durchaus in meinem Rahmen liegt. Als der Disput mit meinem Sozialpädagogen war, der mich wieder dazu motiviert hatte, weiter an meinem Konzept zu arbeiten, war sogar sie diejenige, die mich weiter dazu motiviert hatte, weswegen ich ihr dann ja auch den ersten Teil meines Seminars vorgetragen hatte. Also wozu das Ganze, wenn sie doch daran zweifelte, dass ich mit Seminarteilnehmer umgehen könnte, und in diesem Rahmen die Gefahr, getriggert zu werden, wesentlich geringer ist?

Das war erstmal ein Schlag in die Fresse, den ich nicht verstand.

Mir war klar, dass sie nicht daran zweifelte das ich Seminare vorbereiten, und grundsätzlich halten könnte, nur zweifelte sie plötzlich daran, dass ich mit dieser Art von Klientel umgehen könnte.

Und für mich kam das plötzlich!

Ich versuchte es zu verstehen und hinterfragte ihre Äußerung. Und als sich herauskristallisierte, dass sie auf einmal nur noch die Ausschnitte sah, und die Zusammenhänge außen vor ließ, machte sich Hilflosigkeit und Panik in mir breit.

Ich wurde impulsiver in meinen Fragen, und sie fühlte sich von mir in die Ecke gedrängt, wie sie mir später erklärte. Das kann ich nachvollziehen, und zwar von beiden Seiten. Denn schließlich ist sie für mich nicht irgendjemand, sondern eine Person, zu der ich ein Vertrauensverhältnis aufgebaut habe, und schließlich ging es für mich auch um was ganz persönliches. Um Vertrauen, und darum, dass sie mir glaubt. Aber das tat sie nicht mehr.

Und genaugenommen, haben wir hier wieder genau so eine Situation von der, wenn man nur den Ausschnitt nimmt, indem ich impulsiv werde, und sich mein Gegenüber in die Ecke gedrängt fühlt, man ein völlig anderes Bild bekommen kann, als wenn man auch den Hintergrund kennt. Nämlich den, dass es um etwas sehr persönliches, mit einer Bezugsperson des Vertrauens geht, und es sich hier um keinen Menschen handelt, den man nur oberflächlich kennt, zu dem man kein Vertrauensverhältnis aufbauen muss, und zu dem man in keiner Abhängigkeit steht. Den von einer Beziehung hängt immer etwas ab, und von einer „engen“ Beziehung hängt noch mehr ab. Nämlich Vertrauen.

Die Kinder, oder auch Erwachsenen, mit denen ich bisher gearbeitet habe, mussten mir vertrauen können. Und ich musste ihnen auch vertrauen. Meinen Kollegen, mit denen ich im Team gearbeitet habe, musste ich vertrauen. Und sie mussten mir vertrauen können. Ich musste meinem Chef vertrauen. Darauf, dass er ein guter Arbeitgeber war. Und er mir, dass ich meine Arbeit gewissenhaft ausführe. Ich muss meinem Sozialpädagogen vertrauen, dass er mir wohl gesonnen ist, mich unterstützt und versucht mich zu verstehen, dass ich ihm nicht egal bin. Ich muss meiner Therapeutin vertrauen, dass sie nur das Beste für mein Wohl möchte, und mir hilft meine Vergangenheit bewältigen zu können. Ich muss darauf vertrauen, dass sie hinter mir steht und das sie da ist, wenn´s mal schwierig wird. Und sie müssen darauf vertrauen, dass ich ehrlich bin. Denn nur so können sie mit mir arbeiten. Und ich mit mir selbst.



Vor zwei Tagen bin ich aufgewacht und musste mit Tränen kämpfen. Gefühle und Gedanken hatten mich geweckt. Gefühle und Gedanken, dass ich diesem Versicherungsberater hilflos ausgeliefert bin, er machen kann was er will, und mir niemand glaubt. Meine Therapeutin glaubt mir nicht, dass ich so arbeiten könnte, und ich kann es ihr noch nicht mal beweisen. Diese Gedanken, und die Gefühle von Hilflosigkeit, Panik, und entsetzlicher Trauer haben mich geweckt.
Und plötzlich machte sich auch noch ein anderes Bild in meinem Kopf breit. Ein Bild, das zum Glück nur selten da ist.

Nämlich das Bild, dass mich meine Mutter einem Mann ausgeliefert hat, der mich belästigt hat, und sie mir nicht glaubte als ich es ihr endlich erzählte. Selbst Jahre später noch.

Im ersten Moment, nachdem ich mich wieder einigermaßen gefangen hatte, habe ich mich gefragt was denn dieses Bild, diese Erinnerung jetzt auf einmal hier zu suchen hatte.

Aber dann war es mir klar.

Da war es wieder…. Das Vertrauen.

Nach diesem Aufwachen war der restliche Tag für mich gelaufen. Und auch der Tag danach war nicht gerade von Vorfreude auf den bevorstehenden Urlaub geprägt. Und heute regnet es den ganzen Tag.

Morgen wird besser!

 

Eure Frau L.

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