Wer die Moral hat, hat die Qual. „Graffito“

Was tut das Volk? Es folgt!

Graffito

In einigen Beiträgen habe ich bereits davon berichtet, dass ich nun meinen eigenen Sozialpädagogen habe. Hier zum Beispiel.
Am Anfang war das echt ein komisches Gefühl. Da kommt jemand zu mir, der den gleichen Job macht, den ich selbst schon viele Jahre gemacht habe. Also kenne ich das Durchschnittsklientel. Es gibt aber auch immer die Ausnahmen. Die hatte ich auch.
Und so kam es, dass das Gefühl irgendwann nicht mehr so komisch war. Denn ich war so eine Ausnahme. Mein bester Freund würde an dieser Stelle sagen: „Du bist halt einzig!“ 🙂

Ich habe meinen Sozialpädagogen, als einen Menschen kennengelernt, der aus seinem Bauch raus entscheidet, gerne unkonventionelle Wege geht, und sich mit seiner Firma selbständig gemacht hat, um eben genau das tun zu können.

Er ist auch etwas chaotisch, aber auf eine bisher sympathische Art und Weise. Ein bisschen so, wie man sich einen zerstreuten Professor vorstellt. Seine grauen, etwas wuscheligen Haare, und seine Brille unterstützen dieses Bild sogar ein wenig.

Ich hab mal zu ihm gesagt, dass ich in meinem Leben zwei Arten von Menschen kennengelernt habe. Zum einen die, die gut strukturiert sind und alles durchdenken, und zum anderen die, die eher etwas chaotisch sind, und aus dem Bauch entscheiden, ohne sich über alles Gedanken zu machen. Man kann jetzt das eine als Vorteil, und das andere als Nachteil sehen wenn man möchte, aber diejenigen, die immer alles gut durchdenken, sind auch immer etwas gehemmter, machen sich eher Sorgen, und machen vielleicht aus genau dem Grund, vieles nicht. Die anderen, die etwas chaotischeren, die machen einfach wenn ihr Bauchgefühl stimmt, mit dem Gedanken – vorausgesetzt es ist einer da – „das wird schon irgendwie“. Und oft, so habe ich den Eindruck, läuft es eben auch. Es hat eben alles seine Vor- und Nachteile.

Naja. Mein Sozialpädagoge ist auf jeden Fall sehr individuell auf mich eingegangen. Und dadurch, dass er mich mit seinem Bauchgefühl wahrgenommen hat, und nicht durch irgendwelche Richtlinien und Paragraphen gesehen hat, hatte ich auch das Gefühl, dass er tatsächlich MICH sieht, und nicht das, was ich laut Richtlinien zu sein habe. Er hat meine Fähigkeiten, meine Talente, und meine Ressourcen gesehen. Und genau so hat er mich auch gefördert. Er hat mir Mut gemacht und mir Hoffnung geschenkt. Dadurch bekam ich wieder Motivation und habe angefangen wieder an meinem Konzept zu arbeiten. Dazu kam natürlich, dass er vom Fach war, wusste wovon ich rede, und mich also auch inhaltlich unterstützen konnte.


Eines Tages bat er mich, ein Plakat für ihn zu entwerfen. Da ich den Beruf des Mediengestalters vor vielen Jahren erlernt hatte, und vor kurzem erst, meine Fähigkeiten diesbezüglich, in der mir vorgegebenen Maßnahme (davon hatte ich hier berichtet) wieder auffrischen konnte, war das kein Problem. Als er mich darum bat, hatte ich mich sehr darüber gefreut. Es gab mir das Gefühl gebraucht zu werden, etwas sinnvolles für jemanden tun zu können, das mir jemand etwas zutraut. Es gab mir aber auch noch das Gefühl, wie ICH behandelt zu werden, und nicht wie ich laut Richtlinien zu sein habe. Und es war, als würde es das, was mein Sozialpädagoge mir zutraute, noch zusätzlich unterstreichen. Es waren eben nicht nur Worte. Sondern auf diese Worte folgte eine Tat.

Das ganze ist aus pädagogischer Sicht etwas sehr wertvolles!

Aber aus professioneller Sicht kann man es als absolutes No Go betrachten! Wenn man will.

Man kann einem Klienten keinen Auftrag für die eigene Firma erteilen. Und wenn man sich das Durchschnittsklientel so eines Sozialpädagogen mal ansieht, macht das auch durchaus Sinn. Doch was ist, wenn man es nun mit einer Ausnahme zu tun hat?

Da kommen sich nun das Bauchgefühl – oder auch der gesunde Menschenverstand – und die Richtlinien und Paragraphen in die Quere.

Da ich meinen Sozialpädagogen aber, wie gesagt als einen Menschen kennengelernt hatte der gerne auch unkonventionelle Wege geht, was ein, wie er mir erzählte, auch ausschlaggebender Grund dafür war sich selbständig zu machen, und als jemanden der nach seinem Bauchgefühl geht, hatte ich mir darüber keine Gedanken gemacht, und habe hinsichtlich dessen auf ihn vertraut.

Alles in allem war die ganze Geschichte etwas chaotisch. Zum einen hatte ich anfangs nicht das richtige Programm, und mein anderes Programm hatte zu der Zeit gestreikt, aber das habe ich, zumindest temporär mit einer Testversion in den Griff bekommen. Und zum anderen, ist meinem Sozialpädagogen aufgefallen, dass er den Text nochmal überdenken müsste. Was ihm natürlich erst einfiel, nachdem die erste Version des Plakates fertig gestaltet war. Das alles war, wie man sich vielleicht vorstellen kann, mit einem gewissen Maß an Stress verbunden. Für mich war dies allerdings positiver Stress, denn ich war gefordert, und das tat mir gut. Und das er etwas chaotisch war, wusste ich ja schon.

Als ich ihn eines Tages anrief um mich nach dem Stand der Dinge, bezüglich des Plakates, zu erkundigen, da meine Testversion bald auslief, ließ er in einem Nebensatz fallen: „Ach ja, das mit dem Plakat habe ich übrigens jemand anderem übergeben.“

Wie bitte? Warum?

Weil es mir zu stressig werden würde, bekam ich zur Antwort.


Anscheinend hatte ich irgendwie gerade geschlafen als ich danach gefragt wurde. Vielleicht leide ich aber auch an Gedächtnisverlust? Oder hat mir jemand KO-Tropfen ins alkoholfreie Bier getan? Ich weiß es nicht. Auf jeden Fall dachte ich mir: „NEIN! Es ist mir nicht zu stressig! Wie kommt er da drauf?

Als ich ihm dann erklären wollte, dass das aber positiver Stress für mich ist, und mich keineswegs überfordert, kam das nächste Argument.

Seine Freundin, ihres Zeichens Psychologin und seine Supervisorin, hätte das mal mit ihm angeschaut. Ob da jetzt noch andere Mitarbeiter dabei waren oder nicht, entzieht sich meiner Kenntnis. Anfangs wäre er auch noch davon überzeugt gewesen alles richtig zu machen, doch die Argumente die sie vorbrachte, welche auch immer das gewesen sein mögen, sprachen dafür, dass dies ein absolut unprofessionelles Handeln von ihm gewesen sei. Das hatte ihn dann wohl überzeugt, und zu der Entscheidung bewegt, die Aufgabe jemand anderem zu übergeben.

Aus rein professioneller Sicht, kann ich das einigermaßen nachvollziehen. Wobei man es, wie gesagt, pädagogisch begründen kann. Aber ich bestehe ja nicht nur aus einer professionellen Ebene, sondern unter anderem auch noch aus meiner ganz persönlichen. Schließlich bin ich einzig! 😉 So wie jeder andere natürlich auch.

Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie es war, als das Rauchen erst ab 18 erlaubt wurde. Wie oft habe ich, aus pädagogischen Gründen, mit Jugendlichen zusammen eine Zigarette geraucht! Es ist viel einfacher eine Beziehung aufzubauen, wenn man eine Verbindung hat. Und das Rauchen, so schlecht es auch sein mag und ist, verbindet nun mal. Das ist nicht von der Hand zu weisen. Manchmal muss, oder sollte, man einfach mal fünfe grade sein, und die Kirche im Dorf lassen. Wenn alles reglementiert wird, und es wird immer mehr anstatt weniger, wo bleibt dann der gesunde Menschenverstand. Klar sagt der mir auch das Rauchen schädlich ist. Aber wenn ich dadurch eine Beziehung zu jemandem schaffen, und ihn von etwas schlimmeren abhalten kann, wo ist dann der eigentliche Nutzen wenn ich es bleiben lasse? Er stirbt dann zwar vielleicht nicht in vielen Jahren an Lungenkrebs, hat sich dafür aber zwei Tage später umgebracht.

Und in eben beschriebenen Fall kommt noch eine Gesetzgebung dazu, die bei der Plakatgeschichte ausbleibt.

Was ich damit sagen will ist, dass ich diese Reglements zwar grundsätzlich nachvollziehen kann, ihre Gewinn- und Verlustrechnung, sprich den Langzeitnutzen, und den Sinn des WESENTLICHEN dabei aber in Frage stelle.

Und das Wort „WESENTLICH“ ist hier ausschlaggebend.

Im Duden wird dieses Wort folgendermaßen beschrieben: „den Kern einer Sache ausmachend und daher besonders wichtig; von entscheidender Bedeutung; grundlegend“.

Ich muss vorher noch schildern wie es dann weiterging. Wir trafen uns, um über die Angelegenheit zu sprechen. Dass er mir das ganze einfach so in einem Nebensatz präsentieren wollte traf mich sehr. Denn wie oben beschrieben, hingen für mich ganz wesentliche Attribute, wie Mut machen, mir etwas zutrauen, das Gefühl geben ich schaffe das, usw., damit zusammen. Und plötzlich, und ohne Vorwarnung, wurde mir das wieder entzogen. Als wir uns dann zum Gespräch trafen fing er dann erst mal mit lauter anderen Themen an, und ich fragte mich was das jetzt werden soll. Ich sagte ihm, dass ich erst mal die Sache zwischen uns klären wolle, bevor wir zum Alltagsgeschäft übergehen. Er hatte mir dann alles so erklärt, wie ich es oben beschrieben habe, und meinte dann noch, dass es ja auch immer darauf ankäme wie hoch die eigenen Erwartungen seien.

Ok. Wow. Mir war nicht klar, dass ich zu hohe Erwartungen habe, wenn ich darauf vertraue, mich auf das Wort des anderen verlassen zu können, und dass, sollte er seine Meinung ändern, er wenigstens mit mir darüber spricht, und nicht über meinen Kopf hinweg über mich und mein Befinden entscheidet. Wohlgemerkt zu jemandem, der allein schon berufsbedingt ein Vertrauensverhältnis zu mir aufbaut. Es ist ja nicht so, dass ich für die Angelegenheit kein Verständnis gehabt hätte, allein durch die Tatsache, dass ich selbst aus dieser Branche komme. Aber man hat mir ja gar keine Möglichkeit dazu gegeben. Und das, ist das was mich am meisten gestört hat. Und dann wird mir die Verantwortung dafür zugeteilt?

Wir haben uns beide an diesem Tag sehr missmutig und wenig erfreut von einander verabschiedet, ohne über einen weiteren Termin zu sprechen.

Bei einem zweiten Treffen, um welches ich bat um die Sache vielleicht noch mal zu klären, fing es genau so an wie beim letzten Mal. Er hatte als erstes versucht wieder eine Alltagssituation herzustellen und griff andere Themen auf. Sowas kann ich aber nicht. Ich kann nicht so tun als sei nichts, wenn irgendwas zwischen mir und jemandem steht. Also griff ich das Thema noch mal auf, und schon wieder entschied er über meinen Kopf hinweg, dass ich ja gar nicht bereit dafür sei. Das mochte vielleicht sein Gefühl sein, aber wer sagt denn, dass sein Gefühl das Maß aller Dinge ist? Und wie wäre es mal mit fragen ob dem denn so ist? Kein guter Start.

Bei dem weiteren Versuch die Sache zu klären, erklärte er sich wieder mit den Argumenten die er beim ersten Treffen schon vorgebracht hatte. Dabei vermischte er allerdings zwei Sachverhalte und brachte auch noch die Tatsache mit ein, dass er mal für drei Tage auf meinen Hund aufgepasst hatte, was aus versicherungstechnischen Gründen gar nicht ging. Das kann ich nachvollziehen, hat aber nichts mit der Plakatsache zu tun.

Als ich ihn nach Gründen fragte, die, aus professioneller Sicht, dagegen sprachen mich dieses Plakat machen zu lassen, fing er wieder mit meinem Hund an. Darüber hatte ich hier bereits kurz geschrieben. Das erweckte in mir den Eindruck, als hätte er gar keine wirklichen Gründe gegen die Plakatgeschichte. Die Plakatgeschichte ist nämlich ein ganz anderer Sachverhalt, als die mit meinem Hund.

Die Plakatgeschichte könnte man nämlich pädagogisch begründen, wenn man sie individuell, und auf den Einzelfall bezogen betrachtet, was er anfangs ja auch ganz intuitiv gemacht hat.
Als ich auf einen pädagogisch nachvollziehbaren Grund bestand, bekam ich dann zur Antwort, es würde unsere sozialtherapeutische Beziehung stören.

Ich dachte mir nur, das einzige, was unsere sozialtherapeutische Beziehung stört, ist der ganze Scheiß der jetzt gerade passiert, und wie das ganze hier abläuft. Erst die Meinungsänderung, und vor allem, wie sie mir unterbreitet wurde, hat das sozialtherapeutische Verhältnis gestört.

Als er mich dann fragte was ich denn von ihm hören wolle, sagte ich:
„Wie wäre es mit, es tut mir leid Frau L.?“

Da kam dann zur Antwort, dass ihm gar nichts leid täte. Es täte ihm höchstens leid wie ich das sehen würde.

Also lag die Verantwortung schon wieder bei mir.  Da musste ich ihn leider stehenlassen. Das war zu viel des Guten.


Um jetzt noch mal auf das Wort „wesentlich“ zu kommen:

Was war also für mich wesentlich an der Plakatsache mit meinem Sozialpädagogen?


Im Positiven wesentlich, besonders wichtig, von entscheidender Bedeutung, grundlegend:

  • Er hat nicht nur gesagt dass er mir etwas zutraut, dass ich etwas schaffen kann, das ich gut genug bin, sondern es mir auch gezeigt.
  • Er hat mir also gezeigt, dass meine Glaubenssätze quatsch sind.
  • Er hat mich gefördert und gefordert.
  • Er hat nicht nach Regeln gehandelt, sondern ist völlig individuell und intuitiv auf mich eingegangen.
  • Er hat sich vorher nicht so viele Gedanken darüber gemacht, sondern nach seinem Bauchgefühl entschieden, was eine individuelle und intuitive Aktion erst ermöglicht hat.

Im Negativen wesentlich, besonders wichtig, von entscheidender Bedeutung, grundlegend:

  • Er hat für mich entschieden was mir zu stressig ist, ohne mich danach zu fragen, oder mit mir drüber zu sprechen. Er hat mich fremdbestimmt und mir somit gesagt, dass ich es doch nicht schaffen kann.
  • Er hat mich in seine Entscheidung nicht mit einbezogen, mich nicht vorher über seine Vermutung oder seine Bedenken informiert, so das ich gar keine Chance hatte adäquat damit umzugehen. Ich wurde vor vollendete Tatsachen gestellt.
  • Er hat es in einem Nebensatz beiläufig erwähnt.
  • Jemand, für mich völlig Fremdes, hat über mein Befinden geurteilt / entschieden?
  • Er hat im nachhinein jegliche Verantwortung an dieser Situation von sich gewiesen.
  • Er hat mir alle Verantwortung für die Situation übergeben, und sich selbst völlig rausgenommen.

 

Genaugenommen müsste ich das alles noch viel detaillierter beschreiben, aber ich finde es so schon ziemlich viel. Außerdem wollte ich daraus keinen Roman machen.

Nach ca. einer Woche schrieb er mir eine Mail, und meinte, er habe mich wohl viel mehr getriggert, als er es ahnen konnte. Über Träger habe ich in diesem Beitrag geschrieben. Und es täte ihm sehr leid, er wollte mich nie verletzten.

Ja das mag wohl stimmen, aber wer weiß wie sehr er selbst getriggert war, denke ich mir dazu.

Wir werden es noch mal mit meiner Therapeutin anschauen.

 

Eure Frau L.

 

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