„Diagnosen kann jeder stellen. Wo bleibt die Therapie?“ Wolfgang Schäuble

„Ich bin nur ein Nachtwächter auf dunklen Straßen. Ich kenne die Häuser, an denen ich vorübergehe, aber ich weiß nicht, was in ihnen vorgeht“
Lieutant (um 1700) Leibarzt von König Ludwig den XIV

F60.3- Emotional instabile Persönlichkeitsstörung

Info:

Eine Persönlichkeitsstörung mit deutlicher Tendenz, Impulse ohne Berücksichtigung von Konsequenzen auszuagieren, verbunden mit unvorhersehbarer und launenhafter Stimmung. Es besteht eine Neigung zu emotionalen Ausbrüchen und eine Unfähigkeit, impulshaftes Verhalten zu kontrollieren. Ferner besteht eine Tendenz zu streitsüchtigem Verhalten und zu Konflikten mit anderen, insbesondere wenn impulsive Handlungen durchkreuzt oder behindert werden. Zwei Erscheinungsformen können unterschieden werden: Ein impulsiver Typus, vorwiegend gekennzeichnet durch emotionale Instabilität und mangelnde Impulskontrolle; und ein Borderline- Typus, zusätzlich gekennzeichnet durch Störungen des Selbstbildes, der Ziele und der inneren Präferenzen, durch ein chronisches Gefühl von Leere, durch intensive, aber unbeständige Beziehungen und eine Neigung zu selbstdestruktivem Verhalten mit parasuizidalen Handlungen und Suizidversuchen.

Quelle:https://www.dimdi.de/static/de/klassifikationen/icd/icd-10-gm/kode-suche/htmlgm2018/block-f60-f69.htm

 

Das ist die Beschreibung einer Borderline-Persönlichkeitsstörung. Oder genauer formuliert, einer emotional instabilen Persönlichkeitsstörung Typ Borderline.

Wenn man das so liest, klingt das erstmal ganz schön erschreckend. Und bestimmt trifft das auf viele auch genau so zu.

Wenn ich das für mich jetzt mal auseinanderpflücke kommt da folgendes dabei raus:

 

  • Eine deutliche Tendenz, Impulse ohne Berücksichtigung von Konsequenzen auszuagieren.

Das kann ich so nicht unterschreiben! Ich bin mir meiner Konsequenzen immer bewusst, und berücksichtige sie auch. Wo ich in dem Moment meine Prioritäten setzte, ist eine andere Frage. Es gibt durchaus Situationen, in denen das Maß einfach voll ist. Diese Situationen kennt jeder. Werde ich gemobbt, oder unfair behandelt, sage ich das. Und einem Vorgesetzten sage ich dass in der dem entsprechenden Art und Weise. Im privaten Rahmen kann ich schon auch mal energischer werden.

 

  • Unvorhersehbarer und launenhafter Stimmung

Also meine Stimmung ist definitiv nicht unvorhersehbar oder launenhaft. Wenn in meinem Leben etwas passiert, wie zum Beispiel ein Auswertungsgespräch, welches zu meinem Nachteil verläuft, weil ich völlig falsch eingeschätzt werde, dann beeinträchtigt das meine Stimmung sehr. Bei wem wäre das nicht so. Das ist eine nachvollziehbare Reaktion und weder unvorhersehbar, noch launenhaft. Oder wenn ich das Gefühl habe, und ich habe sehr feine Antennen für sowas, dass jemand nicht ehrlich zu mir ist, bin ich demjenigen skeptisch gegenüber. Meiner Meinung nach ist das ebenfalls ein nachvollziehbares Verhalten.

 

  • Es besteht eine Neigung zu emotionalen Ausbrüchen und eine Unfähigkeit, impulshaftes Verhalten zu kontrollieren.

Was wird denn unter einem emotionalen Ausbruch verstanden? Ja, in diesem Auswertungsgespräch sind mir kurzzeitig die Tränen runtergelaufen. Es geht um meine Zukunft, und darüber, dass völlig fremde Menschen über diese Zukunft entscheiden. Darum, dass ich Angst habe, dass diese Menschen mich nicht richtig einschätzen, weil sie mich nicht kennen, und nur anhand dieser Diagnose und irgendwelchen Berichten, die ich bis jetzt noch nie zu Gesicht bekommen habe, entscheiden wie meine Zukunft aussehen soll. Ich also völlig fremdbestimmt bin. Ist dass dann ein emotionaler Ausbruch? Oder dass ich in so einer Situation vielleicht mal ein wenig energischer in meiner Stimme werde, aber weder schreie, noch beleidige, ist dass dann ein emotionaler Ausbruch und die Unfähigkeit, impulshaftes Verhalten zu kontrollieren? Ich denke, in so einer Situation hätte wohl jeder mit seinen Emotionen zu kämpfen.

 

  • Ferner besteht eine Tendenz zu streitsüchtigem Verhalten und zu Konflikten mit anderen

Ja, ich bin ein Mensch der Dinge gerne hinterfragt und nicht zu allem einfach ja und Amen sagt. In meiner Kommunikation achte ich allerdings immer darauf, andere nicht zu verletzen. Ich hinterfrage Sachen, kann aber ohne Probleme andere Sichtweisen und Meinungen akzeptieren. Außerdem kann ich mich sehr gut selbst reflektieren und ggf. entschuldigen. Und sollte es zu einer Unstimmigkeit kommen, ist mir sehr daran gelegen diese zu klären. Dafür gehe ich auf mein Gegenüber zu. Ist das ein streitsüchtiges Verhalten? Klar gibt es Menschen die ich nicht leiden kann. Die sind mir dann auch egal. Und selbst dann versuche ich oft nochmal eine Klärung herbeizuführen. Aber wer kann schon jeden leiden?

 

  • insbesondere wenn impulsive Handlungen durchkreuzt oder behindert werden

was genau ist damit gemeint? Wenn ich mich über etwas aufrege, und vielleicht etwas lauter werde, und jemand macht mich darauf aufmerksam, dann erkläre ich ihm warum ich mich aufrege, in normalem Tonfall, denn derjenige kann ja nichts dafür. Wenn sich dadurch allerdings jemand angegriffen fühlt und auf den gleichen Zug aufspringt, dann ist es eine Aufwärtsspirale. Es schaukelt sich hoch, wie man so schön sagt. Doch selbst dann ist es mir nicht selten möglich, die Diskussion zu beenden oder einzulenken.

 

Zwei Erscheinungsformen können unterschieden werden:

  1. Ein impulsiver Typus, vorwiegend gekennzeichnet durch emotionale Instabilität und mangelnde Impulskontrolle
  2. und ein Borderline- Typus, zusätzlich gekennzeichnet durch Störungen des Selbstbildes, der Ziele und der inneren Präferenzen, durch ein chronisches Gefühl von Leere, durch intensive, aber unbeständige Beziehungen und eine Neigung zu selbstdestruktivem Verhalten mit parasuizidalen Handlungen und Suizidversuchen.

 

Zu 1. Impulsiver Typus

Emotionale Instabilität und mangelnde Impulskontrolle lasse ich mir insofern eingehen, wenn ich Situationen reflektiere, die mich triggern, mich auf Grund dessen mehr belasten als andere Menschen, und ich energischer darauf reagiere. Diese Situationen, also meine Trigger, sind ganz bestimmte, die nur in ganz bestimmten Situationen auftreten. Und nicht, wie es den Anschein vermittelt, wenn man diese Diagnose liest, ein generelles Verhalten darstellt. Wenn ich z. B. in so einem Auswertungsgespräch sitze, in dem ein fremder Mensch, der eine Machtposition inne hat, über mein künftiges Leben bestimmen soll, ich also fremdbestimmt bin, und mich in einer Abhängigkeit befinde, und dieser Mensch in erster Linie anhand so einer Diagnose entscheidet, dann macht mir das Angst! Ich bekomme Atemnot, fühle mich ausgeliefert und machtlos, und versuche dennoch ruhig zu bleiben, und meine Argumente kompetent darzulegen. Wenn ich in so einem Gespräch aber auf keinerlei Verständnis stoße, sondern stattdessen immer mehr auf Ablehnung, dann komme ich an meine Grenzen, werde ggf. etwas energischer in meinem Tonfall, aber nicht laut, und kann es nicht mehr verhindern, dass ein paar Tränen den Durchbruch schaffen. Wenn mir in so einem Gespräch, Kompetenzen und Ressourcen abgesprochen werden, die ich definitiv besitze, nur weil es anhand so einer Diagnose gar nicht sein kann, solche Kompetenzen zu besitzen, dann fällt es mir tatsächlich ziemlich schwer den Raum nicht zu verlassen. Dennoch bleibe ich! Wo es doch immer heißt, man soll Ressourcen und Kompetenzen fördern.

 

Zu 2. Borderline Typus

Ich habe weder ein gestörtes Selbstbild, noch sind meine Ziele und inneren Präferenzen gestört. Ich habe kein chronisches Gefühl von Leere. Ich habe zeitweise ein Gefühl von Leere, wenn ich zu oft und zu lange getriggert bin und keine Kraft mehr habe. Dann ja.

Ja, ich hatte auch intensive und unbeständige Beziehungen, ich habe aber auch ganz normale und langfristige Beziehungen. Da wäre noch zu klären, welche Form von Beziehungen gemeint sind. Ob es sich auf Liebesbeziehungen oder generell zwischenmenschliche Beziehungen bezieht.

Selbstdestruktives Verhalten: Es gab vereinzelt Situationen, die mittlerweile über zehn Jahre her sind, in denen ich mich, in Momenten, in denen einfach alles zu viel wurde, selbst geschlagen habe. Wenn man sich jetzt vorstellt, der Freund trennt sich, man hat den Job verloren, man ist fremd in der Gegend und kennt niemanden zu dem man kann, man macht sich Sorgen über die Zukunft, weil man so schnell keinen neuen Job findet und weiß nicht, wie man die Miete bezahlen soll, und hat gerade festgestellt dass man schwanger ist. Das ist eine Situation die schon mal zu viel sein kann. Bei manchen Menschen reicht sogar schon die Hälfte, und sie müssen ihre Sorgen erstmal im Alkohol ertränken. Vielleicht treten sie auch gegen eine Mülltonne, oder prügeln sich mit dem nächsten Passanten, weil der einen aus Versehen angerempelt hat.

Solche Situationen kennt vermutlich jeder. Und jeder geht anders damit um. Die eben aufgeführten Beispiele sind auch selbstdestruktives Verhalten. Die einen mehr, die anderen weniger.

Wenn ich schreibe, es gab vereinzelt Situationen in denen ich mich selbst geschlagen habe, da meine ich damit, dass solche Situationen im Zeitraum von meinem 15. bis 20. Lebensjahr vielleicht dreimal im Jahr vorkamen, von meinem 20. bis 25. Lebensjahr noch einmal im Jahr, dann noch einmal bis Anfang 30, und von da bis zum letzte Mal sind neun Jahre vergangen. Und das ist jetzt auch schon wieder ein paar Jahre her. Ich gehörte nie zu den Menschen, die sich selbst ständig ritzen mussten. Parasuizidales Verhalten habe ich kein einziges Mal in meinem Leben an den Tag gelegt. Und einen Suizidversuch gab es einmal mit 17, den ich aber nicht ausgeführt habe.

 

  • Also was genau, wird in einer Diagnose betrachtet, die heute gestellt wird und nach der heute beurteilt werden soll?
  • Inwiefern ist diese Diagnose tatsächlich stimmig für so eine Beurteilung, wie in diesem Auswertungsgespräch?
  • Und inwiefern trägt eine Beurteilung, in der hauptsächlich die Diagnose eine Rolle spielt, und nicht der Mensch, in der Kompetenzen abgesprochen werden, die de facto vorhanden sind, und in der, der betroffenen Mensch – in dem Fall ich, aber ich bin ja nicht die einzige der es so geht – genau das gleiche erlebt wie das, was zu dem Trauma geführt hat, und obwohl mehrfach betont wird dass das Verhalten A-typisch zur Diagnose sei, darauf aber trotzdem nicht einlenkend reagiert wird, zur Gesundung bei?

 

Und wo werden da die Schwächen gelindert und die Stärken gefördert?

 

Eure Frau L.

 

 

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