Skill me!

Viele verlieren den Verstand deshalb nicht, weil sie keinen haben.

Arthur Schopenhauer

 

Ich habe vor kurzem einen sehr guten Blog entdeckt, Cuckoo`s Nest Diaries. Die Autorin, Nina Nuthouse, hat ebenfalls eine Borderline Persönlichkeitsstörung, und berichtet in ihrem Blog darüber. Genau wie ich, schreibt sie ihre Erfahrungen nieder, welche allerdings zum Teil ganz anders sind. Einer ihrer Beiträge, veranlasst mich dazu diesen Beitrag zu schreiben. 

Als ich ihren Blog durchsah, entdeckte ich einen Eintrag darüber, wie ihre Erfahrungen in einer Skills-Gruppe waren. Mit ihrem Einverständnis habe ich hier einen Link dazu. Das erinnerte mich an meine. 

Meine Therapeutin hielt es für angebracht, an eben so einer Skills-Gruppe teilzunehmen. Und da ich ja bereit bin, alles zu tun um mein Leben zu verbessern, und meine Entwicklung voranzutreiben, willigte ich ein. Also wurde ich angemeldet.

Ich möchte kurz erklären, worum es in einer Skills-Gruppe geht. Skills sind im Allgemeinen bekannt für Fähigkeiten oder Ressourcen, die ein Mensch hat. Und jeder hat irgendwelche Fähigkeiten, und/oder Ressourcen! In so einer Skills-Gruppe geht es also darum, die eigenen – ich nenne es im Folgenden Ressourcen, weil ich keinen Bock hab immer beides zu schreiben – zu erfahren. Im Besonderen, um sie dafür einzusetzen, um Spannungen abzubauen. Jeder Mensch hat Spannungszustände. Wenn man keine hat, ist man tot. Man sagt, von 0 – 30 ist man in einem entspannten Zustand. Von 30 – 50 befindet man sich in einem leicht angespannten Zustand, von 50 – 70 wird es schon kritisch, und ab 70 ist die Kacke am Dampfen. So habe ich es zumindest in Erinnerung. Kann sein dass die Bereiche auch etwas verschoben sind. Aber die grobe Richtung stimmt.

Jemand mit einer Borderline Persönlichkeitsstörung befindet sich eigentlich die meiste Zeit in einem höheren Level, und es braucht nicht viel bis die Spannung steigt. Im wahrsten Sinne des Wortes. So heisst es. Ich kann nur von mir sprechen, und ich kann sagen, es variiert. So 30/50/20 würde ich sagen, wennn ich es auf mein bisheriges Leben übertrage. In den letzten drei Jahren allerdings mehr so in den letzten beiden Bereichen. 

Was kann man also tun wenn man so angespannt ist. Wann ist man denn eigentlich angespannt? Wer meine letzten Beiträge gelesen hat, kann sich vielleicht denken, dass ich in letzter Zeit überwiegend sehr angespannt war.
Situationen = Auslöser = Trigger = Anspannung!

Als ich in diese Skills-Gruppe gekommen bin wurde einem dass erst mal alles erklärt. Es stand ein Flipchart im Raum, worauf die Spannungskurve abgebildet war, und es befand sich eine kleine Schachtel auf dem Tisch. Beim ersten Blick in dieses Schachtel konnte man meinen, hier treffen sich lauter kleine Mädchen, die ihre Schätze, gesammelt in einer Schatztruhe, an einem geheimen Ort versteckt haben, und sich jede Woche einmal treffen, um sie gemeinsam zu bestaunen und damit zu spielen. Massagebällchen, Malstifte, Gummibänder, Spängchen, und ich weiss nicht mehr was noch alles. Ich war als Kind mehr so der kleine Vampier, und weniger die Prinzessin, dementsprechend begeistert war ich über die Schatztruhe. Nichts desto trotz hatten diese kleinen Schätze ihre Berechtigung. Und es waren weitaus mehr, als die oben aufgezählten. Sie sollen dazu dienen, sich in einem sehr angespannten Zustand, von dieser Anspannung abzulenken. Man nimmt so einen Massageball, die ja alle so kleine Spitzen haben, fest in die Hand und drückt sie zusammen. Oder man legt sich ein Gummiband um das Handgelenk, und lässt es dagegen schnippsen. Wem das zu soft ist, kann auch in eine Chillischote beissen, eine kalte Dusche nehmen, oder Barfuss über den Schotterplatz laufen. In Nina`s Beitrag habe ich gelesen, dass es bei ihnen sogar eine Hitzesalbe gab. Sie hatte in einem anderen Beitrag dazu sogar ein Foto von ihren Unterarmen gepostet, die nach Benutzung der Salbe krebsrot waren, und ich mich im ersten Moment, bei Betrachtung des Bildes, gefragt hatte, ob sie an einer schlimmen Hautkrankheit leidet, oder sich eine massive Verbrennung zugezogen hat. Nein, es war nur die Hitzesalbe. 

Ich sollte in diesem Zusammenhang vielleicht erwähnen, dass diese Skills dazu dienen, alte Verhaltensweisen in angespannten Momenten, wie z. B. der Konsum von Alkohol oder Drogen, oder sich selbst zu verletzen, oder andere, zu ersetzen. Ausserdem sollen diese Skills nicht verletzend auf sich selbst oder andere wirken, und niemandem einen Schaden zufügen.

Hm, ich bin mir nicht ganz sicher, ob so eine Hitzesalbe, Wasabi essen, oder ähnliches, da wirklich so eine gute Alternative ist.

Ich musste feststellen, von den dort vorgeschlagenen Skills, war für mich nicht wirklich einer dabei. Als ich erzählte, mir helfe es auf jeden Fall immer, zumindest ein wenig, die Situation zu verlassen und eine Rauchen zu gehen, da kam natürlich der Einwand, das Rauchen ja ein selbstschädigendes Verhalten sei. Das war zu erwarten! Dass ich einmal darauf hingewiesen wurde konnte ich nachvollziehen und gut akzeptieren. Schliesslich handeln die dort anwesenden Therapeuten und Pfleger, im Auftrag der Gesundheit und haben einen Job zu machen. Als sie diese Anmerkung allerdings zu Gewohnheit werden lassen wollten, habe ich sie gefragt ob wir nicht bitte die Kirche im Dorf lassen könnten. Ich glaube, sie kamen sich selbst ziemlich bescheuert dabei vor. 

Bei meinen Mitstreitern erfreute sich die Schatzkiste absoluter Beliebtheit. Sie schnippsten und drückten und malten was das Zeug hielt. Ich fand den Massageball sehr entspannend, aber in einer angespannten Situation völlig wertlos. Und mit so einem Gummiband schnippsen zu müssen, wenn mein Spannungslevel 70+ erreicht hatte, würde mich eher noch wütender machen. Die Therapeutin versuchte mir alles mögliche schmackhaft zu machen. Ich fragte sie dann, wie ich denn eine kalte Dusche nehmen sollte, wenn ich gerade eine Auseinandersetzung mit meinem Chef habe, der gerade seine Machtposition ausnutzt.

Momentchen Chef, bin in 10 Min. wieder da, muss mal kurz kalt duschen???? Oder frag ich ihn, ob er auch eine Chillischote will? Das beste wäre wohl, ich male mit ihm zusammen ein Mandala aus. Hach, sind sie nicht süss zusammen die zwei, wie sie da sitzen und gemeinsam ihren Namen malen?

Wenn es allenernstes einen Chef gäbe, der da mitmachen würde, könnte ich mir sogar vorstellen, dass es etwas positives bewirkt. Der muss allerdings wohl erst noch geboren werden. 

Was mich, ausser dem ständigen Hinweis auf „Rauchen ist schädlich“, noch ziemlich genervt hat, war der immer wiederkehrende Satz: Das müssen sie aushalten!

Echt jetzt???

Ich tu die ganze Zeit nichts anderes. Und wenn ich es nicht aushalten würde, hätte ich mir schon längst einen Strick genommen und würde nicht hier sitzen. Der Blick der Therapeutin war etwas verwirrt, vielleicht schien es aber auch nur durch ihre Brille so. Zumindest fehlten ihr für mindestens 10 Sekunden die Worte. Sie fasste sich aber wieder, und fuhr mit ihrem Thema fort.  Ich frage mich, was die sich so vorstellen, wenn die solche Bemerkungen von sich geben? Den hab ich in den letzten 1 1/2 Jahren so oft gehört, wie keinen anderen. Was wäre denn die Alternative zu „es aushalten“? Es nicht aushalten! Und was würde man tun, wenn man es tatsächlich nicht mehr aushält??? Kann sich vielleicht jeder selbst denken.

Mein weiterer Einwand, dass uns das Aushalten ausserdem von Psychopathen unterscheidet, führte dann zu völliger Stille, und nicht nur die Therapeutin schaute mich jetzt verstört an. Aber genau das ist es unterm Strich! Wir sind in der Lage solche Situationen irgendwie auszuhalten. Manche können sie nur aushalten, in dem sie sich mit dem Gummibändchen schnippsen, ne Flasche Wein kippen, oder dem Schuhschrank ein Guckloch verpassen, andere können es etwas besser. Es gibt sicherlich auch die, die sich in solch angespannten Momenten in einer Schlägerei verzetteln, die landen dann früher oder später wohl im Knast. Vielleicht gibts da ja auch ne Skills-Gruppe.

Ich konnte für mich feststellen, mein Skill sind geistige Herausforderungen. Damit meine ich aber nicht sowas wie Kreutzworträtsel lösen, oder schwierige Matheaufgaben lösen. Es müssen geistige Herausforderungen sein die mich interessieren, und mir Spass machen. Etwas, was mein Hirn in Bewegung bringt.

Es gab da so ein Spiel, das fand ich echt super, und ich war wirklich gut darin. Wir standen in einem Kreis. Die Therapeutin hatte einen roten Ball, und warf ihn jemandem zu, dessen Namen sie sagte. Derjenige sollte dann auch jemandes Namen sagen und ihm den Ball zuwerfen. Man musste sich immer merken wem man den roten Ball zugeworfen hat. Hatte jeder einmal den Ball, gab es einen zweiten und dritten und… Durchlauf. Irgendwann kam ein blauer Ball ins Spiel. Der machte das Gleiche, nur rückwärts. Irgendwo überkreuzten sich die Bälle immer, und ein Spieler hatte auf einmal beide gleichzeitig in der Hand. Dann musste er sich überlegen welcher jetzt wohin ging.

Hach, was ein Spass. Ich konnte förmlich spüren, wie meine Gehirnzellen, der rechten und linken Gehirnhälfte, zusammen eine Party feierten!

Und genau so geht es mir, wenn ich Lösungen finden kann. Ich habe ein Problem und muss es bestmöglich lösen. Oder wenn ich jemandem etwas erklären soll. Eine Thematk näher bringen. Darin gehe ich auf. Ein Skill. Eine Ressource. Meine Beste! Meine Leidenschaft! Und das wollen sie mir wegnehmen. Darüber habe ich hier berichtet. Nicht mit mir!

Eure Frau L. 

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