„Der Horizont vieler Menschen ist wie ein Kreis mit dem Radius Null. Und das nennen sie dann ihren Standpunkt“ Albert Einstein

Seit fast vier Jahren wohne ich nun da, wo ich jetzt wohne 😉 Darüber, dass ich schon viel rumgekommen bin, habe ich in dem Beitrag „Sinn und Unsinn“ schon geschrieben. Und obwohl ich im Grunde kein Mauerblümchen bin, kenne ich hier kaum Menschen.
Meine Nachbarin, sie ist 82, sehr hilfsbereit und lustig, und noch zwei Freundinnen, die aber ursprünglich nicht von hier sind, und auch eine halbe Stunde entfernt wohnen.

Als ich hierher gekommen bin, war ich voller Elan und Tatendrang. Ich bin zu Tanzveranstaltungen gegangen – ich tanze wahnsinnig gerne Lindy Hop – ich bin auf Konzerte gegangen, und habe mich irgendwelchen Gruppen angeschlossen. Was man eben so macht, wenn man irgendwo neu ist, und sich integrieren möchte.

Ich habe eine sehr offene, lockere, humorvolle und direkte Art an mir, was es mir generell ermöglicht schnell Anschluss zu finden. Nur habe ich gemerkt, dass mir das in dieser Gegend hier, nicht wirklich weiterhilft.

Wenn ich auf Tanzveranstaltungen war, kam es vor – gut, ich muss zugeben, da bin ich sehr oldschool, und lasse mich lieber zum Tanz auffordern, als dies selbst zu tun – dass ich zu einem Tanz aufgefordert wurde, und die restlichen zwei Stunden alleine rumstand.

  • Oder, eine Rockabillykombo hat zum Tanz aufgespielt, es waren viele Menschen dort, diese Menschen waren sogar dem Anlass entsprechend gekleidet, und es war eine tolle, große Location. Aber die ganze Stunde, in der ich dort war, standen alle mit dem Rücken zur Wand. Dann wurde ein Lied gespielt, auf welches man auch alleine tanzen konnte, und ich ging alleine auf die Tanzfläche. Drei, vier Mädels folgten noch, und nach dem Lied war die Tanzfläche wieder leer. Ich fand das als Besucher schon völlig deprimierend, wie muss das dann erst für die Band gewesen sein?
    Nach einer Stunde hatte ich genug von dem Trauerspiel, und entschloss mich zu Hause, dem wesentlich spannenderem Fernsehprogramm – was echt eine Leistung ist – hinzugeben.

Das war nicht die einzige Veranstaltung die in etwa so ablief.

  • Ein anderes Mal war ich auf einem Konzert. Eine Band, auch aus dem Rock´n`Roll Genre, kam extra aus Berlin, was ziemlich weit entfernt liegt. Die Hütte war gerammelt voll. Ich bin extra wegen der Band und der Musik dahingegangen. Ich hatte mich schon Wochen darauf gefreut. Und auch darauf, endlich Menschen vom selben „Schlag“ zu begegnen. Die Leute hatten auch Spaß und haben gefeiert, eigentlich ein gelungener Abend. Doch anstatt dieser Band, hätte auch Helene Fischer spielen können. Der Abend wäre der selbe gewesen. Nur nicht für mich. Ich hatte mich für den Abend, und dem Anlass entsprechend, extra in Schale geworfen, und eine rot-weiß karierte Bluse angezogen. Ich wurde sogar angesprochen – es geschehen noch Zeichen und Wunder, dachte ich – und gefragt, ob ich auch vom Oktoberfest käme. Ich hätte ja genau so ein kariertes Oberteil an wie er. Nein, ich sei wegen der Band da, sagte ich ihm. Und er meinte, ja die sind ganz gut. Ob er sie kennt, wollte ich wissen. Er hatte keine Ahnung wer sie waren, aber sie kämen gerade vom Oktoberfest, und was ich denn arbeiten würde.
    Ich drehte mich um, und bestellte mir ein Bier.

Ich bin hier ja noch nicht oft angesprochen worden, doch wenn, war in den ersten drei Sätzen, immer die Frage nach der Arbeit mit eingebaut. Haben die Menschen hier keine anderen Themen? Ist das ihr Lebenselixier? Wo bin ich da nur hingeraten?

Das mit dem Tanzen und der Musik funktionierte schon mal nicht so gut.

Obwohl es doch immer heißt, Tanzen und Musik funktioniert auf der ganzen Welt und verbindet Menschen. Ja, vielleicht auf der ganzen Welt. Nur hier haben sie davon noch nichts mitbekommen. Kein Wunder, die unterhalten sich ja auch ständig nur über die Arbeit.

Also habe ich meine anderen Hobby´s rausgekramt, und mich der hiesigen Fotografengesellschaft angeschlossen. Eine, von selbigen veranstaltete Ausstellung, ist doch eine gute Gelegenheit. Dachte ich!

  • Ich hatte natürlich im Vorfeld recherchiert. Sie machten einige Ausstellungen und Projekte. Da hatte ich Lust mitzumachen. Als ich dort ankam, befand sich dort außer mir, die Altersgruppe 60+. Gut, dachte ich mir, ich komme mit Rentnern ja gut zurecht. Die sind oft witziger und lockerer als meine Generation. Ich ging dann auf noch eine ihrer Veranstaltungen, und meldete mich anschließend für einen Einsteiger-Fotokurs an, da ich keine Ahnung vom Fotografieren habe, und es endlich mal richtig lernen wollte. Die Alters-Situation hatte sich nicht geändert, was mich aber auch nicht weiter störte. Und obwohl sich der Kursleiter wirklich viel Mühe gegeben hatte, habe ich von dem Fachjargon kein Wort verstanden, und fühlte mich, auch nach dem zweiten Kursabend, wie der letzte Vollidiot. Ausstellungen machten sie im kommenden Jahr auch keine mehr, also verwarf ich diese Idee, und verließ die Gesellschaft wieder.

In der Zwischenzeit war ich schon seit 1 1/2 Jahren in dieser Gegend, und hatte immer noch niemanden kennengelernt. Langsam wurde es frustrierend. Aber ich gab nicht auf.

  • Eine Mantrailing Gruppe weckte meine Aufmerksamkeit. Genau das Richtige für meinen Hund. Also meldete ich mich zu einem unverbindlichen Probetraining an. Damit wurde auf der Website der Veranstalterin geworben. Als das unverbindliche Probetraining dann vorbei war, wollte sie 20€ von mir haben.

Ich muss zugeben, meine Frustrationstoleranzgrenze, im Kontakt mit den „Eingeborenen“, war mittlerweile ziemlich niedrig.

Ich war im ersten Moment etwas vor den Kopf gestoßen und gab ihr das Geld. Im nachhinein vergewisserte ich mich, ob ich mich vielleicht verlesen hatte, was nicht der Fall war, und recherchierte das Wort „unverbindlich„.

Im Anschluss machte ich sie auf den Inhalt ihrer Website aufmerksam, und darauf, wie das Wort „unverbindlich“ im juristischen Sinne verstanden wird.

Sie rechnete mir die 20€ auf die nächste Stunde an, hatte es mir aber anscheinend übel genommen. Zumindest machte es auf mich den Eindruck, wenn ich im Training etwas nicht verstanden hatte, auch wenn sie mir, ein und den selben Satz, fünf mal vorpredigte, und mit jedem Mal lauter wurde.

Es gibt wirklich Menschen, die einem etwas erklären wollen und glauben, dass wenn sie den selben Satz, nur oft genug und laut genug sagen, dass man ihn dann besser versteht. Meine Hörtests waren bis jetzt eigentlich immer ganz gut.

Dann gab es noch Unstimmigkeiten wegen der Trainingszeiten, und als ich auf eine Nachricht nicht am selben Tag antwortete, hat sie mich kurzerhand aus der Whatsapp-Gruppe entfernt. Also beschloss ich, dieser Angelegenheit keine weitere Energie mehr zu widmen, bevor noch jemand zu Schaden kommt.

Im nächsten Kurs den ich besuchte, gab es zwar keine Unstimmigkeiten, aber auch keine näheren Kontakte. Alles sehr distanziert.

Wenn ich hier in der Stadt unterwegs bin, und jemandem freundlich-lächelnd die Tür aufhalte, werde ich angeschaut, als würde ich gleich dessen Portmonee stehlen.

Zum Schluss noch mein „Lieblings-Erlebnis“. Es ist zwar schon ganz am Anfang geschehen, aber ich finde es am besten, weil es so eindrücklich die Mentalität der Menschen hier beschreibt. Und das Beste kommt eben zum Schluss 😉

  • Es war Ostern und ich musste tanken. Also suchte ich die Tankstelle meines Vertrauens auf und befüllte meine Kutsche mit Kraftstoff. Als ich an der Kasse bezahlt hatte und gehen wollte, wünschte mir die Kassiererin frohe Weihnachten. Ich fand das total lustig und wünschte ihr noch einen guten Rutsch. Daraufhin ist sie vor Scham fast im Erdboden versunken. Sie hat sich schier überschlagen vor Entschuldigungen, und ist im Gesicht ganz rot angelaufen. Meine Güte, dachte ich, nimm doch bitte den Stock aus dem Arsch. Aber wahrscheinlich ist sie nach Feierabend erstmal zur Beichte gegangen.

So kommt es, dass ich nach fast vier Jahren, hier, in näherer Umgebung, immer noch keine Freundschaften schließen konnte, und die meiste Zeit alleine verbringe. Meine Highlights sind mein tägliches Telefonat mit meinem besten Freund, mein wöchentlicher Besuch bei meiner Therapeutin, und seit geraumer Zeit habe ich nun auch meinen eigenen Sozialpädagogen. Mit dem kann ich jetzt fachsimpeln. Super!

Ehrlich gesagt habe ich auch gar keine Lust mehr mich irgendwelchen Gruppen anzuschließen, in denen ich mich dann doch nur unwohl fühle. Im Moment fühle ich mich ja sowieso schon generell unwohl, also muss ich mich nicht auch noch solchen Situationen ausliefern. Ich habe zur Zeit auch gar nicht das Fundament um solche Situationen auszuhalten.

Als nächstes Projekt habe ich mich für einen Stand Up Paddeling Kurs angemeldet. Das kann man zur Not auch alleine machen. Auch wenn es anstrengend ist, immer alles alleine zu machen.

In diesem Sinne, schöne Grüße von der einsamen Insel.

Eure Frau L.

3 Antworten auf „„Der Horizont vieler Menschen ist wie ein Kreis mit dem Radius Null. Und das nennen sie dann ihren Standpunkt“ Albert Einstein

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s