Unvollständig

„Der Mensch wird sicherlich von Zeit zu Zeit über die Wahrheit stolpern, aber sich meist schnell wieder aufraffen und weitermachen wie gehabt.“

Winston Churchill

Belastungstraining, Eingliederungsmaßnahme… ich weiß immer noch nicht wie es genannt wird was ich da mache. Ich muss ehrlich sagen, ich bin generell mit dem Informationsfluss sehr unzufrieden. Mir wurde nicht erklärt um was für eine Einrichtung es sich handelt in die ich da komme, mir wurde auch nicht gesagt dass ich diesen Monat eine Woche länger mit meinem Einkommen auskommen muss, und beim Auswertungsgespräch sind Leute dabei die ich erst einmal gesehen habe, und die sollen mich dann bewerten, und mit entscheiden wie meine Zukunft aussieht.



Aber jetzt erstmal zum Anfang dieser Episode in meinem Leben.


Als ich Anfang 2018 meine Therapie begann war für mich bereits klar dass ich nicht mehr in meinem Beruf als Sozialpädagoge arbeiten werde. Weil ich einfach nicht mehr kann. Mein Job ist auch schon lange nicht mehr dass was er einmal war. Das Klientel ist nicht mehr das gleiche wie vor 20 Jahren, die Problematiken der Klienten sind – ich will nicht sagen anders, aber die Intensität und Vielfältigkeit hat sich verändert, und auch das Umfeld der Klienten. Der Personalschlüssel ist allerdings immer noch der selbe.

Meine bisherige Strategie, nämlich den Arbeitgeber zu wechseln wenn es nicht mehr geht, funktionierte aber auch nicht mehr. Mittlerweile war ich einfach zu müde und kraftlos. Ich war an meine Grenze gekommen. Das zu erkennen, war der erste Schritt. Also musste ich etwas Grundsätzliches ändern.

So einen Therapeutenbesuch kann man nicht mit einem Arztbesuch vergleichen. Wobei der natürlich auch länger brauchen kann um herauszufinden was du hast, wenn du eine eher seltene Krankheit hast, oder sich die Symptomatik vielleicht etwas verschoben hat. Einem Arzt musst du auch nicht deine ganze Lebensgeschichte erzählen, mitsamt dem unschönen Inhalt und Dingen, die dir vielleicht peinlich sind. Naja, außer du hattest vielleicht einen Unfall, der auf heikle Tatsachen basiert. Hier ist Eurer Fantasie keine Grenze gesetzt. Kurzum, man muss keinen Seelenstriptease hinlegen.

Dazu kommt, dass der Körper, also der physische Teil des Menschen, schon wesentlich genauer erforscht ist als der Psychische, er klarer strukturiert ist, und man wahrscheinlich fast alles, was darin vorkommt, sehen kann. Wenn auch nur unter dem Mikroskop. Aber Gefühle kann man nicht immer sehen. Und seelische Wunden auch nicht. Natürlich kann ich sehen wenn jemand lacht oder weint. Aber ich sehe dennoch nicht, was in diesem Menschen vorgeht. Lacht er vor Freude, oder weil ihm etwas peinlich ist? Weint er weil er traurig ist, oder weil ihm etwas weh tut, oder vielleicht auch vor Freude? Und selbst wenn ich weiß, warum derjenige weint, weiß ich nicht wie sehr er traurig oder verletzt ist, oder sich freut.

Und dann kommen da ja auch noch die ganz individuellen, subjektiven Empfindungen und Wahrnehmungen hinzu. Je nach Erziehung, Umfeld, Religion, Kultur, Bildung, eigener Persönlichkeit usw. sieht ein Mensch die Welt ganz anders, als ein Anderer. 

Ach, darauf könnte ich jetzt auch noch näher ein, und ins Detail gehen, aber im Prinzip ist es schon wieder ein Thema für sich, und würde den Rahmen sprengen.

Was ich damit sagen will ist, dass es sehr lange dauert, bis sich ein Therapeut wirklich ein Bild von einem Menschen (Patienten) machen, und bestenfalls eine Diagnose stellen kann die stimmt. Und selbst wenn man eine Diagnose hat, heißt es noch lange nicht, dass der Patient von dem Therapeuten ganzheitlich erfasst wurde. Einen Menschen zu 100% zu kennen ist sowieso unmöglich. Aber selbst bis man das Wichtigste und Wesentliche kennengelernt hat, braucht es seine Zeit. Meine Therapeutin lernt selbst nach einem Jahr immer noch neue Seiten an mir kennen. Dafür kommt es auch drauf an wie ehrlich ich bin. Zu mir selbst, und somit auch zu ihr. Der Mensch ist einfach so komplex. Ich habe zum Beispiel ein so selbstbewusstes Auftreten, dass sich meine Therapeutin, als sie mich das erste Mal auf ihrem Anrufbeantworter hörte, fragte, ob ich für eine Freundin anrufe oder für mich. Und vor ca. zwei Wochen, nach über einem Jahr, in dem sie mich, trotz allem, als selbstbewusste, resolute und starke Persönlichkeit kennengelernt hat, musste sie feststellen, dass ich mich nicht trauen würde meiner Mutter zu sagen wie wütend ich auf sie bin. So hatte sie mich noch nicht kennengelernt, und war offensichtlich sehr erstaunt darüber.

Und erst ihre Verwunderung darüber, hat mir diese Tatsache bewusst gemacht. Mir war das vorher gar nicht klar. Ich kannte es gar nicht anders, und deswegen war es so selbstverständlich. Das ist wie mit dem Laufen. Man tut es in der Regel einfach, ohne sich darüber Gedanken zu machen. Ohne sich bewusst zu sein, welche Mechanismen beim Laufen aktiviert sind. Und erst wenn man durch irgendetwas, oder irgendjemanden auf etwas aufmerksam gemacht wird, rückt es in unser Bewusstsein, und man macht sich – vielleicht, wenn man will – Gedanken darüber.

Ich weiß nicht, aber vielleicht ist Euch jetzt etwas klarer geworden, wie komplex das alles ist, und wie „versteckt“ manche Dinge auch sind, die erst mit der Zeit zum Vorschein kommen, und wie alles miteinander zusammenhängt.



Naja, auf jeden Fall habe ich dieses Auswertungsgespräch. Da soll ich dann mit vier Menschen zusammensitzen, die ich, und die mich, überhaupt nicht kennen, und drüber reden wie es weitergeht. Eine Situation, in der ich höchstwahrscheinlich total getriggert bin, weil mein weiteres Leben davon abhängt, ich von diesen Menschen abhängig bin, ich nicht weiß ob ich ihnen vertrauen kann, die sich in einer Machtposition befinden, und ich in getriggertem Zustand – was für mich Panik bedeutet, und ich meine Gefühle kaum kontrollieren kann – mich vertreten soll. Und das alles ohne Rückendeckung, denn meine Therapeutin wurde zu dem Gespräch erstmal nicht eingeladen. Obwohl ich diesen Wunsch bereits, einem der Herren gegenüber beim Erstgespräch, geäußert hatte.

Herzlichen Glückwunsch!

 



Was ich nicht verstehe ist, dass diese Menschen, die jeden Tag mit Menschen wie mir zu tun haben, nicht von selbst auf die Idee kommen, dass das eine extrem unangenehme Situation für jemanden wie mich ist, und es doch vielleicht sinnvoll wäre, wenn da noch jemand dabei wäre, den die betreffende Person – denn schließlich soll es ja um genau diese gehen – jemanden dabei hat, der sie etwas besser kennt, und der sie vertraut.

Ist das echt so schwer???
Also ich weiß nicht, aber dafür muss ich doch echt nicht studiert haben!

Ich glaube, ich sollte ins Qualitätsmanagement gehen.

Ich hab mich jetzt selbst drum gekümmert 😉

 

Eure Frau L.

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