Blut ist dicker als Wasser sagt man.

„Die Empfindung des Einsamseins ist schmerzlich, wenn sie uns im Gewühl der Welt, unerträglich jedoch, wenn sie uns im Schoße unserer Familie überfällt.“

Marie von Ebner-Eschenbach

Letztens war meine Schwester mit ihrem Mann zu Besuch . Genau genommen meine Halbschwester.

Wie ich zu meiner Halbschwester kam, bzw. sie kennengelernt habe, habe ich in dem Beitrag „Vatertag oh Vatertag“ geschrieben.

Wie man aus oben erwähntem Beitrag vielleicht erkennen kann, hatten meine Schwester und ich nie ein gemeinsames Leben. Sie ist auch dort geboren wo ich geboren wurde, doch sie ist heute noch dort, und ich war nach einem Jahr schon wieder weg.

Und so kommt es, dass sich meine Schwester und ich gar nicht wirklich kennen. Erst seit ca. drei Jahren haben wir etwas häufiger Kontakt. Davor haben wir so etwa zwei Mal im Jahr telefoniert, oder ich hab bei ihr vorbeigeschaut wenn ich mal in der Nähe war. Als ich noch in ihrer Nähe wohnte, hatte sie mich auch ein paar Mal besucht, aber das ist schon lange her. Um so mehr habe ich mich gefreut, als sie mir verkündet hat, sie käme mich besuchen. Dabei wohnen wir jetzt gute 500 km voneinander entfernt.

Ich habe meine Schwester als einen Menschen kennengelernt, der die Dinge hinterfragt und versucht zu verstehen. Der versucht die Zusammenhänge zu erkennen, und offen, und ohne Vorurteile auf die Menschen zugeht. Das schätze ich sehr an ihr. Ich mag ihre humorvolle und verständnisvolle Art, und außerdem spricht sie meinen Heimatdialekt, das alleine ist schon unbezahlbar 🙂

Und deswegen, und weil sie der letzte, übriggebliebene, und vernünftige Teil meiner Familie ist, ist sie mir so wichtig.

Selbstverständlich ist mir meine „gute Oma“ auch noch wichtig. Nur ist meine „gute Oma“ leider schon 95 Jahre alt, sehr vergesslich und und lebt etwa 800 km von mir entfernt. Ich hoffe ihr versteht was ich meine.


 

Nun war sie also letztens zu Besuch. Das gab mir schon mal so viel Antrieb vorher meine Bude auf Vordermann zu bringen. Ich war extrem verunsichert bezüglich dieses Anlasses. Wir hatten noch nie so viel Zeit auf einmal miteinander verbracht, und auch nicht auf so engem Raum. Ihren Mann kann ich zum Glück auch gut leiden. Aber er wäre auch nicht ihr Mann, und schon so lange mit ihr zusammen, wenn er ein Arsch wäre! Es kamen einige Umstellungen auf mich zu. Ich schlief im Gästebett, denn es ist kleiner. Ich rauchte nur noch draußen, und dass bei wirklich ungemütlichem Wetter, denn ich will zwar dass die beiden noch sehr lange leben, aber dazu muss ich sie ja nicht räuchern. Ich hab extra Stunden zuvor alle möglichen Fenster aufgerissen, und gehofft, dass man den Rauch in meiner Wohnung nicht so sehr riecht. Aber ich glaube als Nichtraucher riecht man das sowieso. Ich hab sogar kleine Schokoladen auf die Kopfkissen gelegt. Ich wollte einfach, dass sie sich wohlfühlen. 

Wenn ich das so schreibe kommen mir glatt die Tränen, und ich weiß gar nicht so genau warum. Darüber muss ich wohl nochmal nachdenken. Später. Erst mal eine Rauchen! *lach*

Da die zwei nicht zu der Kategorie „All Inclusive Urlauber“ gehören, und Freizeitaktivitäten fester Bestandteil ihres Lebens sind, habe ich mir natürlich auch welche überlegt. Und außerdem wollte ich ihnen ja auch zeigen wo ich wohne. Also ging es am nächsten Tag erstmal auf nen Berg. Da ich mir im letzten Jahr einen vierfachen Beinbruch zugezogen habe, der immer noch schmerzt, sollte der Ausgangspunkt schon ziemlich weit oben sein. Leider fand ich den richtigen Parkplatz nicht, und so landeten wir wesentlich weiter unten als mir lieb war. Da war ich schon zum ersten Mal leicht gestresst. Das, und alles Weitere was jetzt kommt, hat nichts mit meiner Schwester und ihrem Mann zu tun, sondern nur mit mir. Und wenn man bedenkt, dass ich im Moment sowieso nicht so stressresistent bin, wird man leicht erkennen, dass alles Weitere oben drauf, eine echte Herausforderung für mich ist.

Also wurde aus dem gemütlichen Spaziergang, eine sportliche Höchstleistung für mich. Aber ich wollte auch nicht klein beigeben. Ich wollte mithalten können. Die zwei waren echt toll. Sie waren so diskret in ihrem Umgang mit dieser Situation, dass ich hätte glauben können, ich sei weder gestresst, noch hätte ich Schwierigkeiten mit dem Tempo oder der körperlichen Herausforderung. Obwohl es ihnen bestimmt aufgefallen ist, aber sie haben nichts gesagt, sondern mich einfach so sein lassen wie ich war. Bergab wurden die Schmerzen im Bein dann so unerträglich, dass mich die Schnecken überholt hätten, hätte es dort welche gegeben. Vielleicht haben sie sich auch bloß nicht blicken lassen, weil sie sich dachten: „Wenn wir sie jetzt auch noch überholen, stürzt sie sich noch in die Tiefe.“

Abends beim Italiener habe ich mich darüber geärgert, dass ich weder das Essen, noch die Gespräche – die mir so wichtig sind – wirklich genießen konnte, weil ich so im Arsch war.

Der nächste Tag sollte etwas gemütlicher werden. Ein Ausflug in die nächste Stadt. Nachdem wir zuvor schon ca. eine Dreiviertelstunde mit meinem Hund gelaufen waren, schlug ich, in der Stadt angekommen, vor doch am Ufer des Flusses in einem Café doch etwas zu sitzen und ein Getränk zu genießen. Das Wetter war zwar ein wenig unbeständig doch hatten wir, mit vereinzelten Tröpfchen, die meiste Zeit Sonne. Der Mann meiner Schwester zeigte großes Interesse an der Stadt, und ich wurde das Gefühl nicht los, dass er vielleicht Hummeln im Hintern haben könnte. Also brachen wir recht bald wieder auf. Dabei wollte ich doch einfach nur hier sitzen. (Loriot)

Wahrscheinlich dem Vortag geschuldet, ließ mein Fuß nicht lange auf sich warten und meldetet sich alsbald zur Stelle. Und da ich mich in dieser Stadt nicht wirklich gut auskenne, mein Hund an der Leine zog und mein Fuß schmerzte, war mein Stresslevel auch schon wieder dementsprechend gestiegen. Meine tapferen, mich aushaltenden Begleiter waren glücklicherweise damit einverstanden, sich Abends eine Pizza nach Hause zu holen. Wenigstens etwas Entspannung, dachte ich bei mir. Aber ich wollte ihnen doch etwas bieten.

In den zwei Tagen erfuhr ich etwas mehr über meine Schwester… und ihren Mann. Ich sah wie toll er mit ihr umging. Wie fürsorglich er zu ihr war. Sie erzählten mir wo sie schon überall in Urlaub waren, und von dem Haus, welches sie zu bauen planen. Meine Schwester hatte es auch nicht leicht in ihrem Leben, und hat auch heute mit vielem zu kämpfen. Und ich bin so froh, dass sie einen so tollen Menschen an ihrer Seite hat, dass sie an dem Ort lebt, der ihr Zuhause ist und an dem sie sich wohl fühlt, und dass sie trotz allem, so viele schöne Dinge erlebt.

Und gleichzeitig macht es mich traurig.

Ich hätte auch so gerne so jemanden an meiner Seite.

Ich würde doch so gerne dazugehören.

 

Da sind sie wieder, die Tränen. Ich muss jetzt eine Rauchen!

Eure Frau L.

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