Vatertag oh Vatertag…

„Vater werden ist nicht schwer, Vater sein dagegen sehr.“
Wilhelm Busch

Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie jemandem zum Vatertag gratuliert. Zumindest nicht dass ich mich erinnern könnte. Als ich so ca. drei Jahre alt war, da gab es zwar jemanden zu dem ich „Papa“ gesagt hab, aber der war nicht lange da. Und ein paar Jahre später, ich schätze ich war so sieben, kam ein Mann im Biergarten zu mir, ich kannte ihn von meiner Oma bei der ich in den Ferien zu Besuch war, und sagte mir, dass er mein Vater sei. Das war so eine beiläufige Bemerkung während er sich ein Bier bestellte. Ich weiß gar nicht mehr was ich damals dachte oder fühlte. Ich glaube… irgendwie… nix!

Irgendwann habe ich dann wohl verstanden, dass dieser Mann der Sohn von der Oma war, bei der ich öfter in den Ferien war. Ich hab ihn aber nicht immer gesehen wenn ich dort war. Vielleicht kann ich mich aber auch nur nicht mehr erinnern. Ich weiß nur noch, dass er manchmal komisches Zeug geredet hat und wild gestikulierte wenn er sprach. Ich bekam nie eine Geburtstags- oder Weihnachtskarte von ihm, und angerufen hat er auch nie.

Was ich von ihm bekam waren leere Versprechungen und nette Komplimente. Seit ich 14 bin weiß ich, ich habe einen Arsch wie ein Brauereigaul! Vielleicht sollte ich mich bei der Wiesn bewerben. Dabei war ich noch nicht mal übergewichtig.

Mit 15 versprach er mir einen Tanzkurs. Zu dem Zeitpunkt hatte ich aber andere Dinge im Kopf. Als mir das Angebot mit 16 wieder einfiel und ich dann doch Bock drauf hatte, rief ich ihn an und er fragte mich, sternhagelvoll, ob meine Mutter mich geschickt hätte. Als ich 18 war bin ich mit einer Freundin zu ihm gefahren. Ich war fest dazu entschlossen ihm die gesamte Schuld der Welt in die Schuhe zu schieben. Ich wollte all seine Bierflaschen aus sämtlichen Ecken holen. Sehr zu meiner Endtäuschung fand ich keine. Er sei jetzt trocken. Er wolle mir ein Vater sein. Er würde mich lieben und vermissen. Ich sei doch seine Tochter.
Besser spät als nie, dachte ich mir. Eine Woche später hatte er das schon wieder vergessen und lief wie der Blitz – nicht so schnell, dafür im Zick Zack.

Danach hatte ich endgültig die Schnauze voll.

Geht auch ohne! Ging bisher ja auch!

Als ich 24 war rief mich eines Tages meine Mutter an und fragte mich ob ich sitze. Ich fragte warum und sie sagte dass mein Vater gestorben sei. Ich sagte: „Na und?“ und sie antwortete: „Deine Schwester hat mich angerufen.“

„Ich hab  ne Schwester?“ Da saß ich.

Mein Vater hat sich also zu Tode gesoffen.
Aber ich hab ne Schwester von ihm. Und die ist auch noch toll!

Ich habe keine Ahnung wie es ist einen Vater zu haben, aber ich glaube, ich hätte gerne einen gehabt. Nicht den. Einen Vater eben. Immer wenn ich mir solche Filme ansehe, in denen irgendwelche Väter, irgendwelchen Töchtern, das Fahrradfahren beibringen, oder sie in den Arm nehmen, sie vor Bösewichten beschützen, oder sonst was „heldenhaftes“ tun, dann hab ich nen Klos im Hals. Und je nachdem wie „heldenhaft“ es ist, kullern schon auch mal die Tränchen… vielleicht wird es auch zu nem Schluchzen.

In der Regel denke ich eigentlich gar nicht an meinen Vater. Wozu auch. Aber jedes Mal wenn Vatertag ist, frage ich mich wie es wohl wäre. Doch ich glaube es ist besser keinen zu haben, als einen der scheiße ist. Ich meine es reicht ja schon wenn ich mich mit meiner Mutter „rumschlagen“ muss, da könnte ich nicht noch ein Sorgenkind gebrauchen. Und was er in der kurzen Zeit meines Lebens alles NICHT gemacht hat, reicht auch um nen Dachschade davonzutragen. Danke, ich bin ausreichend versorgt.

Irgendwann hatte ich erfahren, dass seine Mutter schon Alkoholikerin war, und sein Stiefvater wohl auch. Klar, mein Vater hat sich nicht aus Spaß zu Grunde gerichtet. Aber er war ein erwachsener Mensch und hätte die Verantwortung für sich selbst übernehmen müssen. Ihm verdanke ich einen Teil von dem, mit dem ich jetzt zu kämpfen habe. Ich darf den Scheiß ausbaden. Und ich gebe mein Bestes um das Beste aus mir rauszuholen. Ich reflektiere mich, ich arbeite an mir und ich gebe nicht auf.

Aber er, er hat sich einfach verpisst.

„Die Sorgen ersaufen, ja trinken wirkt Wunder.
Doch sie sind nicht ertrunken, ich tauch sie nur unter.

Ich kann mich und mein Versagen nur besoffen ertragen.
Ist das nicht fies, die Hölle grüßt das Paradies.

Kummer sucht Gesellschaft und ich lass mich fallen.
Suche nach Problemen und finde sie alle.

Ich trinke positiv und zum Vergnügen.
Der Alkohol hilft mir in die Tasche zu lügen.

Ich ertrinke mein Problem, doch am Ende der Reise,
bleibt in meiner Kehle der Geschmack von Scheiße

Stille Tage im Klischee,
zwei im Sinn und einen im Tee.
Ein klares JAIN zum Alkohol.
Ich schieb die Schuld dem Bösen zu.
Schlagt ein und schwört,
kreuzt die Gläser,
ein letztes Mal auf die alten Fehler.“

Stefan Weidner

Meine gute Oma hat mir mal erzählt, als ich noch ziemlich klein war hätte sie sich zu einem Mittagsschlaf hinlegen wollen. Da sei ich völlig ausgeflippt und hab geweint sie solle bitte, bitte die Augen nicht zu machen. Meine gute Oma hat die Dinge schon immer hinterfragt und hat sich dann gedacht, dass die andere Oma wohl öfter mal betrunken eingeschlafen sein muss wenn ich zu Besuch war, und ich als Kleinkind auf mich alleine gestellt war. Warum hätte ich sonst so eine Panik bekommen sollen. Es sind zwar nur Spekulationen, denn ich kann mich natürlich nicht mehr daran erinnern, aber es ist eine logische Erklärung und würde so gut zu dem ganzen Rest passen.

Ein anderes Mal hat mir meine gute Oma erzählt, dass sie und meine Mutter alle Fotos von meinem Vater verstecken mussten. Eines Tages hätte ich wohl doch eines gefunden und sei dann weinend, schreiend und stampfend auf dem Boden gelegen.

Meine Mutter hat viele Jahre später, ich war schon ausgezogen, einen anderen Alkoholiker geheiratet. Als ich sie fragte warum, war ihr Argument: „der schlägt mich wenigstens nicht.“

Das alles muss zwischen meinem 1. und 4. Lebensjahr geschehen sein. Die prägendsten Jahre eines Menschen. Unser Gehirn ist in so jungen Jahren noch nicht dazu in der Lage sich an etwas zu erinnern. So die Wissenschaft. Und dennoch bleibt es… in unserem Unterbewusstsein.

Am irrwitzigsten, in diesem Zusammenhang, finde ich am Vatertag, die Väter, oder solche die welche zu sein glauben, die einen Bollerwagen hinter sich herziehen und sich die Rübe wegballern, anstatt IHREN Tag mit ihren Kindern zu feiern.

In diesem Sinne wünsche ich allen Vätern, die es verdient haben, einen wunderschönen Vatertag.

Der Rest kann sich zum Teufel scheren.

Eure Frau L.

2 Antworten auf „Vatertag oh Vatertag…

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