Zack, getriggert.

Trigger ist das englische Wort für Auslöser. In der Psychologie wird von einem Trigger gesprochen, wenn jemand durch etwas in der Gegenwart, gefühlsmäßig in die Vergangenheit versetzt wird. Derjenige erlebt sozusagen eine Zeitreise, ohne es bewusst wahrzunehmen. Zumindest wenn er sich seiner Trigger nicht bewusst ist.

Letztens hat mir zum Beispiel mein bester Freund etwas erzählt, was mich total getriggert hat. Er war bei einem Arzt der wollte, dass sich mein Freund einer sehr unangenehmen Operation unterzieht. Als mein Freund sich über Alternativen informierte, und auch fündig wurde, kontaktierte er diesen Arzt um ihn nach seiner Meinung, und einer Zweitmeinung zu befragen, was durchaus legitim ist. Daraufhin gab ihm der Arzt zu verstehen, dass er sich gar nicht mehr bei ihm melden bräuchte wenn er eine Zweitmeinung einholen, und nicht das machen würde, was er ihm gesagt habe, und hat einfach aufgelegt.

Als ich das hörte, merkte ich sofort wie mein Puls schneller wurde und ich mich total darüber aufregte. Würde ich in der selben Stadt leben, wäre ich sofort zu diesem Arzt gegangen und hätte ihm die Leviten gelesen dass ihm Hören und Sehen vergangen wäre. Ich war so sauer und fassungslos über dieses Verhalten dass mir schier die Worte fehlten. Alleine wenn ich jetzt bloß wieder darüber nachdenke kommt mir die Galle hoch. Es triggert mich. Und das, obwohl es mich gar nicht betrifft. Und mein bester Freund ist weiß Gott alt genug um sich selbst um sich zu kümmern.

Wahrscheinlich würde so ziemlich jeder, das Verhalten eines solchen Arztes daneben finden. Aber nicht dass ich mich darüber aufrege, sondern wie es mich aufregt, macht das Ganze zu einem Trigger. Ich bekomme sofort das Bedürfnis etwas dagegen unternehmen zu müssen. Mich zu wehren.

In meinem Fall ist die Ursache dafür, dass ich schon von Klein auf erleben musste, dass meine Bedürfnisse nicht wahrgenommen wurden. So wie die Bedürfnisse meines Freundes von diesem Arzt nicht wahrgenommen wurden, und dass sogar in einer sehr heiklen Situation. Ich wurde Situationen ausgeliefert, die für ein Kind extrem bedrohlich sind. Kein Kind sollte erleben, dass ihm Gewalt angetan wird, egal in welcher Form. Aber selbst wenn ich gesagt habe dass ich etwas nicht will, wurde es einfach ignoriert. Ich war den Entscheidungen meiner Mutter hilflos ausgeliefert. Und solche Situationen gab es nicht nur einmal in meinem Leben, sondern leider sehr häufig.

Zum Glück war ich schon immer eine Kämpferin. Ich begann damals zu rebellieren um irgendwie auf mich aufmerksam zu machen. Als Kind, oder Jugendlicher hat man noch nicht die Möglichkeit sich so zu artikulieren, oder die Dinge so zu verstehen und zu reflektieren. Man ist auf die Erziehungsberechtigten angewiesen, und darauf, dass sie für das Wohl des Kindes sorgen. Außerdem vertraut man seinen Eltern, und darauf, dass sie alles richtig machen. Sie sind ja schließlich die Erwachsenen und wissen was richtig und falsch ist.

Meine Rebellion hat mir allerdings dennoch kein Gehör verschafft. Stattdessen galt ich einfach als „schwierig, frech und faul“. Ich begann recht früh mit dem Rauchen, fing an zu stehlen und meine Noten wurden auch immer schlechter, so dass letztendlich nur ein Hauptschulabschluss für mich dabei rumkam. Aber dass das alles im Prinzip nur „Hilferufe“ eines Kindes und Jugendlichen waren, auf die Idee ist meine Mutter nie gekommen.

Auch wenn mir meine Rebellion in dieser Zeit nicht wirklich geholfen hat, außer mir das Gefühl zu geben, nicht aufzugeben, so hat sie mich doch dort hin gebracht, wo ich heute bin.

Aber manchmal habe ich eben das Gefühl, ich müsste um mein Leben kämpfen so wie damals. Und das ist jedes Mal so, wenn ich getriggert bin. Wenn ich nicht gehört werde, wenn über meinen Kopf hinweg entschieden wird, wenn Machtpositionen ausgenutzt werden. Damals waren solche Situationen bedrohlich für mich. Das sind sie heute nicht mehr. Denn ich bin erwachsen und kann mich adäquat dagegen wehren. Zumindest in der Theorie. Doch genau das ist der Knackpunkt. Für mich fühlen sich solche Situationen immer genau so an wie damals. Und da ich kein anderes Gefühl kenne, da mir niemand beigebracht hat, wie man adäquat und souverän mit solchen Situationen umgeht, habe ich keinen Vergleich. Für mich ist mein Gefühl, und das daraus resultierende Verhalten, ganz normal.

Und jedes Mal wenn ich in so eine Situation gerate, dann meldet sich die Kämpferin in mir. Ich werde dann oft sehr energisch und man hört die Wut in meiner Stimme. Die Wut, die gar nicht zu der aktuellen Situation gehört, sondern in die Vergangenheit, zumindest in ihrer Intensität.

Jetzt könnte man sagen, aber wenn ich das weiß, dann kann ich es doch einfach anders machen. Wenn das so einfach wäre, würde ich es auch einfach tun. Doch wie so vieles im Leben, ist auch das nicht einfach.

Ganz oft, wenn ich in solchen Situationen stecke, und mir bewusst darüber bin, dass das jetzt einfach „nur“ ein Trigger ist, versuche ich aus der Situation rauszugehen. Ich mach wortwörtlich einen Schritt zurück um Distanz zu bekommen und versuche mir zu sagen, dass mich das einfach nur an früher erinnert, jetzt aber nicht mehr bedrohlich für mich ist.

Das Problem ist nur, auch wenn ich das in diesem Moment alles weiß, also rational erfasse, ändert sich an meinen Emotionen trotzdem nichts. Die Wut ist immer noch da, die Angst ist immer noch da – die meistens hinter der Wut steckt -, und die Panik ist immer noch da. Mein Herz schlägt schneller, der Puls hält schritt, und ich bekomme Atemnot. Ich kann noch so oft und so tief Luft holen, das Gefühl, nicht genug Sauerstoff zu bekommen bleibt.  All diese Gefühle bleiben, und ich habe keinen blassen Schimmer was ich dagegen tun soll.

Das passiert wenn Traumata nicht verarbeitet sind.

Und es ist ja auch nicht so als würden sich diese Trigger vorher anmelden. Nein, sie kommen einfach wie ungebetene Gäste. Es ist jedes Mal so als würde mich eine Lawine überrollen. Ich kann gar nicht so schnell denken, schon stecke ich mitten drin ohne es zu wollen. Und mein Gegenüber steht da und versteht die Welt nicht mehr.

„Warum regst du dich denn jetzt so auf?“

„Wieso wirst du denn plötzlich lauter?“

„Ich hab doch nur gesagt dass….“

Und das sind noch die positiven Reaktionen. Wenn sie merken dass irgendetwas plötzlich komisch ist, und mich darauf ansprechen. Dann kann ich nämlich realisieren was gerade passiert. Dadurch gibt mir mein Gegenüber die Möglichkeit das Ruder rumzureißen, oder zu artikulieren was gerade in mir vorgeht. Das kann ich aber nur, weil ich mittlerweile um meine Trigger weiß.

Viel schlimmer ist es, wenn mein Gegenüber sich persönlich angegriffen fühlt und drauf einsteigt. In solchen Situationen brauche ich länger um zu begreifen dass ich getriggert bin. Denn dann bin ich nur noch am reagieren, am mich wehren.

Aber erklär das mal deinem Chef, den Arbeitskollegen, oder jemanden der dich noch nicht so lange kennt, und der sich über solche Dinge noch nie Gedanken gemacht hat.

Das alles macht mich ja nicht zu einem schlechten Menschen, auch wenn ich das früher tatsächlich geglaubt habe. Es macht mich nur zu einem Menschen, der manche Dinge etwas anders erlebt, ohne dass er es will, sondern weil er es nur so gelernt hat. Man kann sagen, ich wurde so programmiert. Heute versuche ich dieses Programm umzuschreiben. Und mit diesem Programm verhält es sich so wie mit alten Gewohnheiten. Die wird man nicht so schnell los. Und es ist wirklich harte Arbeit. Ich versuche ständig achtsam zu sein, mache mir Gedanken, hinterfrage, reflektiere. Das ist anstrengend. Und ich habe schon so viele Menschen kennengelernt, die sich noch nicht mal darüber Gedanken machen wollen, wie sie etwas sagen, um ihr Gegenüber nicht zu verletzen. „Dann müsste ich ja ständig drüber nachdenken was ich sage, das ist mir zu anstrengend!“ bekomme ich dann zu hören.

Aber wie gesagt, zum Glück bin ich eine Kämpferin. Und so habe ich mich zumindest schon mal so weit entwickelt, dass mir bewusst ist, das es Trigger sind. Und so schnell werde ich damit auch nicht aufhören. Ich kämpfe immer noch.

 

Eure Frau L.

11 Antworten auf „Zack, getriggert.

  1. Pingback: Glaubenssätze
  2. Pingback: Sinn und Unsinn
  3. Ich kenne das Gefühl, vor allem von Wut. Leider neige ich dazu diese Wut nicht ausdrücken zu können oder zu wollen. Anders ist es bei Freunden und sogar fremden, wenn ich merke jemandem wird unrecht getan gehe ich direkt dazwischen. Gibt es bei dir auch einen Unterschied zwischen eigenem Unrecht und dem gegenüber anderen?

    Toller Beitrag, liebe Grüße!

    Liken

    1. Hallo depressionzumfrühstück,
      vielen Dank für Deinen ehrlichen Kommentar und das Kompliment! Bei mir gibt es keinen Unterschied, meine Wut kommt immer völlig unverhüllt zum Vorschein. Sie ist wie ein ungezähmtes Pferd. Der einzige Mensch vor dem sich meine Wut fürchtet, ist meine Mutter. Dabei gehört sie genau da hin.

      Liebe Grüße,

      Frau L.

      Gefällt 1 Person

  4. Pingback: Unvollständig

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s