Einer dieser Tage

Eigentlich ist es ein Tag wie jeder andere seit den letzten drei Jahren. Ein Tag ohne Energie, ohne Motivation, ein Tag ohne Kraft, dafür voller Lustlosigkeit.
Davon habe ich so viel, dass ich reich würde, könnte ich sie verkaufen. Ein Fläschchen Lustlosigkeit 250ml für 4,80€.
Schnäppchen!

Im Ausverkauf sogar für 3,99€. Das schönste daran wäre, wenn ich sie endlich los wäre.

Es ist ja auch mal ganz schön nen faulen Tag einzulegen und die Seele baumeln zu lassen.

Aber über Monate hinweg keine Lust auf irgendetwas zu haben, keine Energie, mehr zu machen als unbedingt nötig – und Staubsaugen gehört nicht zu „unbedingt nötig“, auch kochen nicht – , wenn Motivation langsam zum Fremdwort mutiert, dass ist echt anstrengend.

Klingt in dem Zusammenhang komisch, ist aber so. Zumindest für mich.

Ich bin nun seit ca. 1 1/2 Jahren in Therapie. Nicht zum ersten Mal wohlgemerkt, aber zum ersten Mal habe ich eine fähige Therapeutin gefunden. Die ist echt super. Vielleicht bin ich aber auch zum ersten Mal ein fähiger Patient. Wer weiß das schon. Schließlich habe ich mich in all den Jahren, trotz allem, oder vielleicht auch gerade deswegen, weiterentwickelt und bin nun besser in der Lage mich selbst und meine Geschichte zu reflektieren. Es hilft auf jeden Fall ungemein weiter.

Was ich aber sagen will ist, dass ich in dieser Zeit immer wieder zu hören bekommen habe, dass es ok ist so wie es ist. Soll heißen, akzeptiere dich so wie du bist. Und deinen Saustall.

Und das habe ich nicht nur von meiner Therapeutin gehört, sondern von vielen anderen Menschen. Unter anderem andere Therapeuten, aber auch Freunde und Familie, soweit vorhanden.

Das ist aber gar nicht so einfach wenn du eigentlich eine total selbständige und starke Persönlichkeit bist, die das meiste in ihrem Leben alleine geschafft hat. Also nur mal so zum Vergleich, ich habe zwei abgeschlossene Ausbildungen und ein Studium, und das Ganze nur mit Hauptschulabschluss und ohne jegliche Unterstützung. So jemand ist nicht faul! Auch wenn meine Mutter etwas anderes behaupten würde. Aber das ist eben Teil meiner Geschichte.

Einfach wirklich keine Kraft mehr zu haben… das ist ein fürchterliches Gefühl. Ich weiß auch gar nicht wie ich das wirklich beschreiben soll. Darunter kann man sich ja vieles vorstellen. Ich bin auch immer so müde. Schon vor ca. 20 Jahren, als ich das erste Mal bei einem Psychiater war, habe ich angegeben – ich hab den Bericht letztens mal wieder in den Händen gehabt – dass ich immer so müde bin.

Heute morgen z. B.: Ich nehme gerade an einem Belastungstraining teil. D. h. jeden Morgen um ca. 06:30 Uhr aufstehen. Je nachdem ob ich mit dem Fahrrad oder dem Auto fahre. Heute Morgen habe ich verschlafen und bin zwei Stunden zu spät aufgewacht. Das habe ich daran gemerkt, weil ich ausgeschlafener war als normalerweise wenn ich so früh aufstehen muss. Da dachte ich mir schon das etwas nicht stimmen kann. Mein Blick auf die Uhr bestätigte dann mein Gefühl. Also, schnell aufstehen, nen Kaffee reinziehen und ab ins Auto und zur „Arbeit“. Mein Gefühl von ausgeschlafener sein hielt gerade mal eine ganze Stunde an. Kaum war ich eine halbe Stunde auf der „Arbeit“ habe ich im Rekord gegähnt, nicht gearbeitet. Und so geht´s mir im Prinzip jeden Tag. Auch das ist total anstrengend!

Ich wurde letztens mal gefragt ob müde sein für mich etwas Wohliges ist, oder ob es für mich anstrengend ist. Darüber hatte ich mir vorher noch nie Gedanken gemacht. Ich kenne es ja schließlich nicht anders. Oder es ist schon so lange her, dass ich mich nicht mehr daran erinnern kann. Ich habe dann gefragt was denn ein wohliges müde sein sei, denn ich konnte mir nichts darunter vorstellen. Daraufhin wurde mir erklärt, dass man sich dann einfach hinlegt und sich drüber freut gleich zu schlafen.  Oder so ähnlich. Man macht dann einfach einen Mittagsschlaf – wenn sich das einrichten lässt – oder geht zu Bett.

Nein, das kenne ich nicht, war meine Antwort. Weil ich quasi immer müde bin. Also ist es für mich anstrengend, weil ich nicht dann schlafen kann wenn ich müde bin. Sonst müsste ich mich eine Stunde nach dem Aufstehen wieder schlafen legen. Das ist ziemlich unpraktisch wenn man arbeitet.

Aber das ist nur ein Teil meiner Kraft- und Lustlosigkeit. Es begann ungefähr vor drei Jahren im Sommer. Ich hatte Urlaub. Ich war gerade dabei einen Gleitschirmschein zu machen. Es hat mir total viel Spaß gemacht den ganzen Tag an der frischen Luft zu sein, in der Luft zu sein, und tolle Leute um mich zu haben. Eines Nachmittags, meines zweiwöchigen Urlaubs, lag ich auf dem Bett meines Pensionszimmers, denn, rate mal, ich war müde, da überkam mich der Gedanke: „Wenn mich doch einfach nur ein LKW überfahren würde.“ Ich bin selbst total erschrocken von diesem Gedanken und musste weinen. Das war die Zeit, in der ich meine letzten Reserven aufgebraucht habe, um etwas zu tun was mir gut tut und Spaß macht. Ich habe diesen Gedanken nicht bewusst gedacht, er war einfach plötzlich da. Dieser Gedanke hat mir gezeigt dass ich mein Limit erreicht hatte. Ich habe ihn auch gehört, aber ich wollte ihn noch nicht so ganz ernst nehmen. Also ging alles weiter wie bisher. Es wurde aber immer schlimmer. Auf der Arbeit wurden Leute rausgemobbt, etwas, was ich überhaupt nicht leiden kann. Es geschieht Unrecht, und Macht wird missbraucht. Das ist ein ziemlich starker Trigger für mich. Ein Trigger ist ein Auslöser. Es erinnert mich gefühlsmäßig an Situationen, die ich selbst in früher Kindheit erlebt habe. Das geschieht aber nicht bewusst. Zumindest nicht, wenn man es nicht weiß. Das waren aber leider nicht die einzigen Situationen die mich getriggert haben, und so kam es, dass die Situation auf der Arbeit für mich so unerträglich wurde, dass ich mal wieder die Stelle gewechselt habe. Doch leider wurde es auf der anderen Stelle nicht besser. Auf mein Privatleben hat sich das so ausgewirkt, dass ich nach der Arbeit nichts anderes mehr konnte, als auf meiner Terrasse zu sitzen und auf meinem Tablet zu spielen. Ich war so ausgelaugt und ausgebrannt dass nichts mehr ging. Ein weiteres Zeichen war, dass ich im nächsten Jahr sogar dreimal krank wurde. Ich kannte es von mir mindestens einmal im Jahr eine so fette Erkältung zu haben, dass ich zwei Wochen flach lag. Einmal in den ersten Stock gelaufen und ich brauchte ein Sauerstoffzelt. Manchmal hat es mich sogar zweimal im Jahr erwischt, was schon oft ist. Aber vor zwei Jahren, hat es mich tatsächlich ein drittes Mal erwischt, und da wurden meine Alarmglocken schon etwas lauter. Mein Körper wollte mir ganz klar zu verstehen geben, dass die Reserve jetzt dann aufgebraucht ist und ich schleunigst die nächste Tankstelle aufsuchen sollte. Als ich Anfang 2018 dann aus dem Weihnachtsurlaub wieder auf die Arbeit sollte – ich arbeite mit zum Teil sehr aggressivem Klientel – habe ich mich auf der Heimreise selbst gefragt wie es mir geht. Ich fragte mich: „Was machst du wenn mal wieder einer ausflippt und ne Schranktür eintritt? Hast du die Ruhe und Geduld die deine Klienten in so einer Situation brauchen? Nein! Ich würde wahrscheinlich die nächste Schranktüre eintreten.“

Als mir das klar wurde wusste ich, ich muss die Reißleine ziehen.

Einen Monat später saß ich bei meiner Therapeutin. Seit dem versuche ich meine Vergangenheit und meine Traumata aufzuarbeiten. Ich habe zwar immer noch nicht mehr Energie und Motivation, dafür aber etwas mehr Verständnis für mich selbst.

Und ich habe mich dazu entschlossen diesen Blog zu schreiben. Hey, wow! Und ich konnte mich heute dazu motivieren diesen Beitrag zu schreiben. Applaus bitte! 😉

Ich habe keine Ahnung vom Schreiben, aber ich habe Lust es zu tun. Und das alleine zählt. Und ich stelle auch keinen Anspruch an diesen Blog oder an mich in diesem Zusammenhang.
Das Einzige was ich will, ist etwas zu tun was mir Sinn, und in irgendeiner Weise Freude gibt. Denn davon habe ich gerade nicht so viel.

 

Deine Frau L.

Eine Antwort auf „Einer dieser Tage

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